In meiner Arbeit unterstütze ich die Organisation der 2.800 Pilger zum Weltjugendtag sowie die Veranstaltung des nationalen Jugendtages mit 12.000 Jugendlichen in Cuenca. Hier gilt es, auf Grund der hohen Anzahl der Beteiligten besonders ordentlich und gepflegt zu arbeiten – meiner Ausbildung nach (Veranstaltungskauffrau).
HIER jedoch läuft die Arbeitsweise ganz anders ab. In den letzten beiden Monaten habe ich wahnsinnig viel dazugelernt und kann jetzt, behaupte ich, die deutsche und ecuadorianische Arbeitsweise sehr gut unterscheiden und miteinander vergleichen.
Trotzdem fällt es mir manchmal immer noch schwer, Geduld mit der ecuadorianischen Arbeitsweise zu zeigen, die man hier aber haben muss.
Nehmen wir folgendes Beispiel: Einschreibungen für den Weltjugendtag. Wenn es zB heisst, die Einschreibungen müssen bis Do abgegen werden, traue ich mich zu behaupten, dass in Deutschland nicht alle, aber 90% der Einschreibungen eintreffen. In Ecuador sind es höchstens 30%. Warum? In Deutschland wissen die Teilnehmer, dass sie am Freitag keine Chance mehr haben auf „Späteinschreibungen“, sie sind zu spät und haben Pech gehabt. In Ecuador hingegen kommen unglaulich viele unterschiedliche Ausreden, Entschuldigungen oder aber auch gar keine Reaktion der Teilnehmer. Aus zwei Gründen. Zum einen wissen die Teilnehmer, dass sie am nächsten und übernächsten Tag und vielleicht noch viel länger noch immer eine Chance haben und kommen dann mit hierfür typischen Sprüchen wie „Sei doch so lieb und…“ („No sea mala…“), die hier funktionieren. Der zweite und grösste Grund sind hier die Prioritäten. In Ecuador werden die Prioritäten komplett anders gesetzt wie z.B. in Deutschland. In Deutschland wird der im Beispiel genannte Donnerstag eingehalten und durchgesetzt, weil es hier auf eine perfekte Organisation ankommt. Pech für die übrigen 10%, diese können leider nicht teilnehmen, denn am Freitag wird vielleicht die Teilnehmerliste schon weitergeschickt usw. Damit die Organisation nicht hinausgezögert wird und der Projektplan eingehalten wird. In Ecuador liegt die Priorität nicht in der Organisation, sondern in der Anzahl der Teilnehmer. Hier wird gesagt, die Hauptsache ist, es nehmen möglichst viele Personen, hier, am Weltjugendtag teil. Lieber melden sie sich zwei Wochen später an, wenn eigentlich alles schon längst abgeschlossen ist, bevor diese gar nicht teilnehmen. Denn man muss möglichst vielen Personen die Chance geben, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, je mehr desto besser.
Genauso werden auch die Ausreden, warum sie nicht am Donnerstag abgegeben worden sind, verständnisvoll akzeptier: meine Mutter war krank und konnte sie deshalb nicht bringen, es hat geregnet, ich musste arbeiten, mir ist etwas Wichtiges dazwischengekommen…denn alle, die aus persönlichen Gründen, nicht kommen konnten, sind ausnahmslos entschuldigt. Hier geht die Person über alles, erst später kommt die Arbeit. Was meine ich mit Person? Damit meine ich alles Persönliche, wie: Wohlsein der Familie und Freunde, eigene Gesundheit…Gesundheit heisst: kein Stress, ausgeschlafen sein, Arztbesuch (der hier bei Kleinigkeiten schon angetreten wird).
Genauso ist es auch in der Arbeit. Ich bin es aus meiner Eventagentur gewohnt, zu arbeiten, bis die „To Do-Liste“ weniger geworden ist, auch wenn ich bis 23 Uhr oder noch später sitze, vor allem dann, wenn Termine eingehalten werden müssen, Veranstaltungen können nicht verschoben werden, sie sind einmalig. Somit gehe ich mit einem etwas freieren Kopf nach Hause, und am nächsten Tag erwartet mich viel, aber immerhin weniger als am Vortag. Hier hingegen wird kaum später als 19 Uhr gearbeitet. Wenn es ein Anzeichen der Müdigkeit gibt, ist das ein Signal des Körpers und es wird sofort darauf reagiert und nach Hause gegangen, denn: die Gesundheit des Körpers und das Wohlbefinden geht über alles. Genauso gilt es auch für das Mittagessen bzw. die Kaffeepausen. Die Kaffeepausen sind nicht wie bei uns 10min, die Zeit für einige eine Zigarette zu rauchen, sondern es ist immer auch gleich ein „refrigerio“ dabei („Riesensnack“ wie Sandwich, Empanada…) und dauert 30min. Und hierfür wird sich einfach Zeit genommen, das Telefon wird zur Seite gelegt und der Augeblick des Kaffeetrinkens und Ratschen mit den Kollegen wird genossen, denn der Mensch kann nur dann effektiv arbeiten, wenn er ausreichend Ausgleich hat!
Es wird immer der Moment der Gegenwart und der Moment des „Lebens“, und nicht der Arbeit, ausgelebt. Die folgende Situation wurde uns schon im Vorbereitungsseminar genannt und ich kann sie jetzt bestätigen: jemand sitzt im Büro und hat viel Arbeit um die Ohren und es kommt jemand herein (Freund, Unbekannter…): die ganze Aufmerksamkeit wird in dem Moment der Person geschenkt, solange bis diese wieder geht. Die Arbeit wird unterbrochen und erst danach weitergeführt, egal wie dringend diese gerade ist. Denn die Gegenwart ist das wichtigste, und in dieser Gegenwart ist plötzlich jemand ins Büro gekommen!
Das ist auch der Grund, warum selten, eigentlich nie (!), ein Meeting pünktlich losgeht: denn ständig kommen entsprechende „Gegenwartssituationen“ dazwischen, und das bei mehreren Personen! Bis all diese dann endlich vereint sind, ist meistens mindestens eine halbe Stunde vergangen! Ich selbst habe letztens mein erstes Meeting selbst gehalten…und zwar „pünktlich eine Stunde zu spät“…
Die meisten Ecuadorianer sehen das auch so und bestätigen das, aber es gibt auch einige die „deutsch“ denken und sich bereits über 10 verspätete Minuten ärgern, das weiss man hier wegem der interkulturellen Unterschiede nie.
Genauso zum Haare Raufen für mich als Deutsche sind dann zum Beispiel Situationen wie Folgende (Situaionen allgemein aus Ecuador, nicht speziell aus meiner Arbeitsstelle:
Es gibt unglaublich viel zu tun und die „To Do-Liste“ hat kein Ende und alles mit höchster Priorität, aber:
- Es wird nach Hause gegangen wegen extremer Müdigkeit
- Es wird detailliert über eine persönliche Erfahrung (oft vom Vortag) oder über Allgemeines geredet, was man sehr kurz fassen könnte
- Es wird sich plötzlich mit Freund/Freundin/Familienmitglied getroffen, der/die spontan in der Nähe ist und zu Besuch kommen möchte
- Man braucht eine Information, doch mit der hier herrschenden Hierarchie muss man warten bis der/die Person Zeit hat und kann nicht fortführen
- Es wird auf Unwichtiges beharrt und das Wichtige vergessen
- Es wird den Leuten A gesagt, dann B, doch letztendlich müssen sie Fehlorganisation C ausführen
- Man hat was wichtiges auszuführen und kann es wegen plötzlichem Regen nicht ausführen
Hier noch konkrete Beispiele:
- Der Schlüssel wurde verlegt/verloren, die Tür muss AUFGEBROCHEN werden
- Das Internet funktioniert mal wieder nicht
- Telefonnummern werden auf 5.000 Flyern gedruckt mit unkontrollierter und letztendlich falscher Telefonnummer
- Die Dame an der Rezeption braucht 15 Minuten um einen kleinen Zettel auszufüllen, weil sie sehr langsam und sorgfältig schreibt, sich aber dann verschrieben hat, zweimal den Zettel austauschen musste und von Vorne anfangen müssen
- Es gibt kein Taxi wenn man eins braucht
All diese Situationen sind zum Haare Raufen, aber zeichnen dieses Land und die Kultur aus. Sie sind nicht unbegründet, nur haben die Gründe hier ein ganz anderes Gewicht als in unserer Kultur..
Es ist manchmal etwas schwierig, das Gleichgewicht der Kulturen in diesem Themenberiech zu erhalten. Aber es ist unglaublich, jedoch kann ich bestätigen: wie auch immer, über welche Umwege auch immer: zum Schluss funktioniert hier alles, ohne dass ich, und das ist der Vorteil, je jemanden gesehen habe, der sich geärgert hat. Warum? Weil hier die aktuellen, gegenwärtigen Situationen so akzeptiert werden, wie sie gerade kommen, und daraus wird dann das Beste gemacht. Der Nachteil ist natürlich, dass alles sehr viel länger dauert als z.B. in Deutschland und dass oft nicht weit genug in die Zukunft gedacht wird…
Fazit: Hier lernt man sehr sehr viel voneinander…